Lehrtipps: Lehrende

heutiges Thema: begabt für die Lehre

Es gibt Menschen, die sind besonders begabt für die Lehre. Jeder von uns hat sie erlebt.

Untersuchungen belegen, dass diejenigen sehr gute Voraussetzungen zur Lehre mitbringen, die verfügen über eine

  • optimistische Grundhaltung,
  • mäßige Extrovertiertheit,
  • positive Einstellung zum Umgang mit anderen Menschen,
  • gute Portion Humor,
  • soziale Sensibilität.

Das sind Charakterzüge, die eine Lehrtätigkeit wirksam unterstützen können. Verzweifeln Sie aber nicht, wenn Sie nicht alle fünf Eigenschaften in Überfülle besitzen. Sie können trotzdem ein guter Dozent, eine gute Dozentin sein oder werden, denn von selbst kommt gute Lehre in keinem Fall. Sie kommen dorthin über den üblichen, mühsamen Weg mit "Versuch und Irrtum" oder Sie kürzen ein wenig ab, indem sie sich von Profis den Weg zeigen lassen.

 


 

heutiges Thema: Ziehen Sie andere Schuhe an!

"Ziehen Sie andere Schuhe an!" stand auf einem der Evaluierungsbogen, die die Studenten zu meiner Vorlesung ausgefüllt hatten. Ich fand das unverschämt. Was gingen die Studenten meine Schuhe an?

Auf dem Weg zur nächsten Vorlesung kam ich in der Garderobe an meinen schwarzen Schuhen mit Ledersohle vorbei. "Na gut", dachte ich, "jetzt zeig ich's Euch!" und zog sie an. Bis dahin hatte ich meine Vorlesung immer in Birkenstocksandalen gehalten. Das schien mir sehr bequem.

Nun geschah etwas Seltsames: Als ich den Hörsaal betrat, fühlte ich mich plötzlich ganz anders. Irgendwie resoluter, ja sogar ein bißchen größer als sonst. Ich wußte nicht gleich, woran es lag, aber es waren die Schuhe! Ich hatte gewissermaßen ein anderes Auftreten - im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Und ich fühlte mich sehr wohl dabei.

Ich vermute, der Student hatte unbewußt gespürt, dass das Rumlatschen mit den breiten Sandalen nicht zu mir und meiner Art des Lehrens passte. Ich bin diesem Unbekannten noch heute dankbar - die Lederschuhe sind meine "Auftritts-Schuhe" geworden.

Was können Sie aus dieser Geschichte entnehmen?

Versuchen Sie es einmal mit anderen Schuhen, bequem, aber fest, mit dünner (Leder-) Sohle, und beobachten Sie Ihren "Auftritt".

 


 

heutiges Thema: Autorität

"Ich möchte in diesem Seminar lernen, wie ich in meiner Lehrveranstaltung geschickt überspielen kann, dass ich etwas nicht weiß - so dass man nicht merkt, dass ich da blank bin."

Das hören wir in unseren Seminaren immer wieder, und ich muss zugestehen, dass dieses Thema auch für mich ein großes Problem war. Jemand erzählte die Geschichte eines renommierten Medizinprofessors, der in der Vorlesung etwas Elementares nicht wusste - so etwas, bei dessen Unkenntnis man durch die Vorprüfung fällt. Als sich die allgemeine Unruhe unter den Studenten gelegt hatte, sagte er: "Vergessen Sie nicht, meine Damen und Herren, was ich alles weiß und Sie nicht wissen."

Dass man nicht alles wissen kann, ist heute eigentlich noch mehr Allgemeingut als früher. So mancher Schüler erlebt, dass er seinen Lehrern in puncto EDV überlegen ist. Eigentlich bräuchte es die Autoritätsgläubigkeit ("der Lehrer weiß einfach alles") also nicht. Sie scheint sehr tief in uns verwurzelt zu sein. Wie kämen wir sonst auf die Idee: Wenn ich etwas nicht weiß, muss ich das verbergen, das darf niemand merken.

Machen wir uns frei davon - es ist wirklich "befreiend", und tatsächlich: es hilft unseren Studenten bei ihrer Arbeit, wenn wir offen mit unserer Unwissenheit umgehen.

"Ich lehre, was ich weiß, und ich lerne, was ich noch nicht weiß." stammt von Gerbert, dem nachmaligen Papst Sylvester II (+ 1003).

 


 

heutiges Thema: Vorbild

Jeder Dozent (jede Dozentin) ist ein Vorbild. Er steht vor den Studenten, egal ob vorne auf der Hörsaalbühne oder im kleinen Kreis eines Seminars. Was er sagt, hat Bedeutung, zählt irgendwie. Aber auch wie er es sagt, wie er reagiert, sich verhält, wird von allen gesehen und interpretiert. Auch das, was er nicht sagt, nicht tut, wird wahrgenommen. Er steht ja im Zentrum der Aufmerksamkeit - von Studenten, die Orientierung und Halt suchen. Ob wir also wollen oder nicht, wir sind ein Modell, an dem sich unsere Studenten ausrichten.

In das Lernen, zu dem sie ja gekommen sind, kommt damit auch eine ganz menschliche Komponente hinein: Sympathie und Zuwendung werden bei den Studenten nicht dadurch geweckt, dass wir immer perfekt agieren - das wäre ja auch gar nicht möglich - sondern dadurch dass wir Mensch sind, mit Fehlern und Schwächen. Die Wärme und Herzlichkeit, die wir ausstrahlen, kommt in der Regel auch wieder zurück.

Man kann nicht nicht kommunizieren, sagt Watzlawick. Eine Abwandlung lautet: Wir können nicht nicht Vorbild sein. Bei allem, was wir tun, wirken wir auf unsere Umgebung - also auch auf unsere Studenten. Diese Vorbildfunktion ist sehr viel größer als viele von uns Dozenten ahnen. Sie ist allerdings auch im negativen Sinne groß: Wer ein schlechtes Beispiel gibt, wirkt ebenfalls auf seine Studenten ein. Aber das muß man ja nicht tun.

 


 

Lampenfieber

Mein Kollege sah schlecht aus, ganz fahl und grün. Der Grund: Gleich sollte er einen Vortrag halten. Nun hing er herum wie ein Häufchen Elend. Und dabei war er für dieses Thema der anerkannte Fachmann schlechthin.

Lampenfieber entsteht, weil wir die Situation als Stress erleben. Unser Körper reagiert darauf mit tief-verwurzelten Strategien, die aus der Frühzeit unserer Entwicklungsgeschichte stammen. Bei drohender Gefahr, "wenn der Löwe vor uns stand", hieß es, den Körper in Höchstform zu bringen, um zu attackieren – oder die Flucht zu ergreifen. Fliehen können wir beim Vortrag-halten (leider) nicht ... Was ist zu tun.

Lampenfieber ist in gewissem Umfang notwendig, um uns richtig in Form zu bringen. Zu viel davon ist allerdings nicht gut. Da es wenig mit dem Verstand zu tun hat, können wir es auch nicht durch rationales Argumentieren abbauen. Es geht nur ganzheitlich über "Körper, Geist und Seele".

Vorher: Gönnen Sie sich ein paar Minuten echten Ungestörtseins und konzentrierter Ruhe (das ist oft nicht einfach), und stimmen Sie Ihren Körper und Ihre Seele auf die Veranstaltung ein - wie ein Musikinstrument, das man vor der Aufführung stimmen muss. Probieren Sie Verschiedenes aus, um die Überspannung zu reduzieren; noch besser: suchen Sie professionelle Anleitung, besonders in grünlich-bleichen Fällen.

Auf der Bühne: Gehen Sie den Weg dorthin ganz bewusst, um das Zuviel an Energie körperlich abzuführen; nutzen Sie alle Bewegungsmöglichkeiten: Niederlegen der Unterlagen, Gang zum Overheadprojektor, Umhängen des Mikrofons usw. Dann: ausatmen; bewusst zur Ruhe kommen. Schauen Sie Ihr Publikum freundlich an - es ist kein gefährlicher Löwe, es freut sich voll interessierter Erwartung darauf, was Sie sagen werden! - und los geht's.

Schließlich: Die Gewöhnung lehrt uns den Umgang mit uns und unserem Körper – und ein bisschen Lampenfieber muss bleiben, denn es bringt uns in den gut-gespannten Zustand, den wir für einen hervorragenden Vortrag brauchen.

 

Das gute Gefühl

"Heute hab ich das aber prima dargestellt!" Wir kennen das zufriedene Gefühl, das uns überkommt, wenn wir gerade eine gute Vorlesung gehalten, ein Problem besonders deutlich und einsichtig erklärt haben. Dieses positive Gefühl ist ganz wichtig, denn daraus beziehen wir unsere Begeisterung und Kraft für gute Lehre.

Mehr als einmal ist mir genau im Zustand dieses Glücksgefühls allerdings ein Student mit einer Frage gekommen, die zeigte, dass er nichts, aber auch gar nichts von genau dieser Erklärung verstanden hatte. Ich erinnere mich deutlich an den Schmerz in der Magengrube, als es das erste Mal geschah.

Man schließt daraus, dass offenbar die Eigenwahrnehmung nicht identisch sein muss mit der Fremdwahrnehmung, eine Erkenntnis, die den Fachleuten längst bekannt ist. In Konsequenz heißt das: wir können uns nicht auf unser gutes Gefühl verlassen. Übrigens auch nicht auf das schlechte! Manchmal erfährt man von den Studenten, dass ihnen etwas sehr geholfen hat, was man selbst gerade nicht so gut fand.

Fazit: Mit den Studenten über die Veranstaltung reden, ganz konkret, z.B. "Wie kommen Sie denn mit dem .... zurecht. Ich hab‘ das als Student lange nicht kapiert." Nachfragen wo Verständnis- bzw. Lernschwierigkeiten liegen.

 

Krawatte oder Minirock?

Kann ich in meiner Lehrveranstaltung anziehen, was ich will? Der eine kommt im Anzug mit Krawatte, der andere in Jeans und Pullover und wieder ein anderer in Birkenstocksandalen. Dozentinnen haben es besonders schwer: Guck die an! Der Lippenstift passt doch nicht zum Kleid! - Lippenstift? Kleid?

Die Auffassungen über die "richtige" Kleidung reichen von "Was ich anziehe, geht die Studenten gar nichts an!" bis "Elegant möchte ich schon wirken!"

Eins ist sicher: Man kann nicht nicht-kommunizieren. (Erstes pragmatisches Axiom von Watzlawick) Oder: Ganz gleich was wir anhaben, ja selbst wenn wir nichts anhätten, wir sagen etwas damit aus - über uns und über unsere Beziehung zu unseren Studenten.

Wer dreckige Kleidung anzieht, signalisiert vermutlich, dass ihm seine Zuhörer egal sind. Wer im feinen Anzug doziert, betont vielleicht sehr stark den formal-steifen Aspekt der Veranstaltung. Wie immer kommt es auch auf die Umstände an.

Empfehlungen:

  • Wenn die Kleidung etwas über uns selbst aussagt, dann soll sie zu uns passen, zu uns ganz persönlich.
  • Die Kleidung soll dezent sein, damit sie die Studenten nicht zu sehr ablenkt.
  • Die Kleidung soll bequem sein, also auf keinen Fall zu eng, damit wir körperlich agieren können.
  • Den Dozentinnen empfiehlt meine Beraterin den Hosenanzug als "fast immer richtig".

 

Der Dozent - ein Mensch?

"Soll ich eigentlich auch etwas Persönliches von mir sagen, wenn ich mich am Anfang meiner Lehrveranstaltung vorstelle?"

Üblich ist das nicht. Meist nennt man seinen Namen und seine Position, bringt ein paar notwendige organisatorische Informationen und beginnt möglichst rasch mit dem Stoff.

Kommunikationswissenschaftler sagen, dass fast die Hälfte (!) dessen, "was rüberkommt", aufgrund der non-verbalen Äußerungen des Dozenten vermittelt wird. Das ist für uns Ingenieure und Naturwissenschaftler ziemlich überraschend. Gilt für uns das gesprochene Wort, die geschriebene Formel nicht als das allein Wichtige? Gesagt, geschrieben, was soll da sonst noch sein? Noch dazu in diesem Umfang!

Es liegt an der Beziehung, die sich zwischen Student und uns als Dozenten aufbaut. Pflegen wir sie nicht, erlebt uns der Student als nüchtern, nur-sachlich, trocken. Findet uns der Student dagegen sympathisch, überzeugend, glaubwürdig, so wirkt sich das unbewusst auf seine Lernbereitschaft aus: er versteht und lernt leichter und besser. Wenn wir als Dozenten für diese Beziehung etwas tun, helfen wir unseren Studenten also beim Lernen.

Unterstützen wir unsere non-verbalen Äußerungen, indem wir etwas Persönliches von uns erzählen - bei der Vorstellung, aber auch später. "Bei diesem Thema hatte ich als Student immer folgendes Problem ... und deshalb habe ich das ziemlich lange nicht verstanden." öffnet unseren Studenten einen ganz neuen, emotionalen Zugang zum Stoff.

 

Professor Zett

"Hochschuldidaktik brauchen wir nicht! Wir hatten den Professor Zett*)‚ der hat die schlechteste Vorlesung gehalten, die man sich denken kann. Und gerade in dem Fach haben wir am meisten gelernt!"

Dieser berüchtigte Professor geistert durch alle hochschuldidaktischen Debatten. Sein "Erfolg" spricht aber nicht gegen die Hochschuldidaktik, sondern beweist nur, dass es Grundgesetze für gute Lehre gibt. Eines lautet: Die Vorlesung muss den Studenten motivieren, selbst an die Themen heranzugehen. Nicht die perfekt gestylte, glatt ablaufende Vorlesung ohne Ecken und Kanten ist das Ziel, sondern eine Veranstaltung, die die Probleme soweit aufzeigt, dass der Student anfängt, selbst Fragen zu stellen - und versucht, sie zu beantworten.

Das hat dieser berüchtigte Professor auf höchst primitive Weise erreicht: Information null, Motivation allein durch Prüfungsdruck. Wozu hätte er seine Studenten wohl gebracht, wenn er auf dem Klavier der didaktischen Möglichkeiten hätte spielen können?

*) Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig.

 

Showmaster

Wir saßen bei einer Lehrberatung. Der Dozent hatte gerade eine wunderbare Veranstaltung präsentiert - nur hatte er leider in einer recht monotonen Weise vorgetragen. Und das 90 Minuten lang! Es war eigentlich ein Wunder, dass nicht alle Studenten eingeschlafen waren.

Als wir das Thema diskutierten, fanden wir heraus, dass sich der Dozent scheute, "den Showmaster zu machen": er fürchtete sich innerlich davor, aus sich herauszugehen und dem Sprachlichen mehr Modulation, Intensität und Melodie zu geben. Vom "Showmaster" war er meilenweit entfernt, und wäre es auch geblieben - aber die Angst davor war da. Erst als wir ihm klar machten, dass die sprachliche Gestaltung den Studenten bei der Aufnahme des Stoffes hilft und sie daher zu seiner wohlverstandenen Aufgabe gehört, wandelte sich seine Einstellung: Er wollte einen Versuch wagen.

 

Der Assi soll ran!

Das ist die Forderung, die immer wieder erhoben wird, wenn der Assistent *) - oder die Assistentin - den Professor in der Vorlesung vertreten haben. Manchmal findet sich diese "Empfehlung" auch auf den Evaluierungsbögen - mit den schwierigsten Folgen für den Assi: einerseits ja sehr schmeichelhaft, wenn man es offenbar besser macht als der Chef, andererseits ziemlich heikel für die Beziehung.

Woran liegt es eigentlich, dass es die Assistenten "besser können als der Professor"? Und das offenbar schon immer - jedenfalls solange ich denken kann.

Am Stoff selbst kann es nicht liegen, denn als Aushilfe hat man klare Vorgaben, was zu bringen ist. Der "Reizwechsel" - eine andere Person als die, die der Student schon immer kennt - spielt sicher eine Rolle. Mehr Aufwand zur Vorbereitung treibt man mit Sicherheit auch. Aber noch wesentlicher ist wohl die größere Nähe zum Studenten. Der Assistent weiß aufgrund seiner Lehrtätigkeit in Praktika, Seminaren, Übungen sehr viel genauer, was Studenten wissen, wo ihr Niveau liegt und was er ihnen zumuten kann; meist sehr viel besser als der - dem Standardstudenten doch eher ferner stehende – Professor. Und so bereitet der Assi den Stoff einfach studenten-orientierter auf, benennt die schwierigen Stellen, baut Merkhilfen ein, weist auf Prüfungsprobleme hin - der Student fühlt sich in seiner Situation akzeptiert und sagt: Der Assi soll ran!

*) "Assistent" hier als Sammelbegriff für lehrende Wissenschaftlichen Mitarbeiter

 

Wahrnehmung schulen

Für gute Lehre ist ganz wesentlich, dass Sie wahrnehmen, was bei Ihren Studenten los ist. Größere Unruhen merkt man natürlich gleich, aber das Gespür für Frühindikatoren erwirbt man erst mit der Zeit. Das liegt auch daran, dass man zu Anfang der Lehrtätigkeit voll damit beschäftigt ist, den Stoff fachlich richtig und geeignet zu präsentieren und man daher nicht "auch noch" auf die Studenten achten kann.

Aber Sie können es trainieren!

Gut geeignet sind die kurzen Pausen zwischen den Abschnitten Ihrer Rede. (Meist machen wir sowieso zu wenig oder zu kurze Pausen, obwohl sie für das Verstehen so notwendig sind.) Beginnen Sie damit, während dieser Pausen bestimmte Studenten, Gruppen, Hörsaalbereiche zu beobachten. Sie können das mit dem "freundlichen Blickkontakt" verbinden. Verändern Sie jeweils den beobachteten Bereich. Einen größeren Hörsaal unterteilen Sie sich dazu in 4 oder 6 Felder. Vergessen Sie die Randgruppen nicht – ganz vorne, ganz hinten und die ganz außen Sitzenden.

Beobachten Sie bewusst, was Ihre Studenten tun, wie sie sich verhalten. Ergänzen Sie die visuellen Informationen durch bewußtes Hören. Ist es ganz still? Ist es lauter als sonst? Gibt es Dauergemurmel?

Es dauert eine Zeit, bis Sie das alles wirklich wahrnehmen. Aber es lohnt sich, weil Sie sich dann viel besser auf Ihre Studenten einstellen können.