Innovative Lehr- und Lernformen

Moderation: Manfred Herzer (ZQ) 

Eva Kless (Universität Koblenz-Landau, Campus Landau):  Die Selbststudienaufgabe als neues Problemlöseformat in der Hochschuldidaktik 

In der Literatur wird die Gestaltung von Selbstlernphasen durch eine Aufgabenkultur geprägt, die immer noch auf Übung und Wiederholung des bereits durch eine Lehrperson vermittelten Stoffes abzielt. Dieser Aspekt wird von einigen Autoren dahingehend bemängelt, dass Aufgaben und Problemstellungen zu selten zum Aufbau von neuen Inhalten bzw. Grundwissen genutzt werden (Häußler/Lind2000, Leutert 2005, Leisen 2006). Gleichzeitig erschießen sich für Studierende durchdie digitalen Medien eine wachsende Informationsvielfalt (vgl. Brünken/Seufert 2009), die sie in zunehmendem Maße auch für Recherchezwecke nutzen (vgl. Kleinmann/Özkilic/Göcks 2008, van Eimeren/Frees 2009). Kann es gelingen, dieses Informationsangebot für Selbstlernphasen so zu nutzen, dass ein vernetztes Grundwissen entsteht? Die Selbststudienaufgabe bietet, als ein rätselbasiertes Problemformat eine Methode an, mit der sich Studierende ein vernetztes Grundwissen zu einem Thema durch Recherche im Internet selbständig aneignen können, ohne bereits domänenspezifisches Vorwissen dazu zu besitzen (vgl. Kleß, 2011). Dazu erhalten die Studierenden eine Reihe von Behauptungen im Bereich des Fakten- und Konzeptwissens (vgl. Anderson/Krathwohl 2006) zu einem Thema, welche auf ihre Richtigkeit hin recherchiert und überprüft werden müssen.



Kristin Bromberg (Hochschule Lausitz): „…nichts für Touristen“: Wie Studierende durch Dialoge Erkenntnisse generieren

Der Beitrag widmet sich dem Vor- und Fortgang akademischer Qualifizierung sowohl aus theoretischer als auch aus empirischer Perspektive und weist ihm damit eine eigene Bedeutung jenseits seiner Resultate zu. Er ergänzt aktuelle psychologische und neurowissenschaftliche Forschungsarbeiten zum menschlichen Lernen durch einen handlungstheoretisch begründeten Vorschlag, der Lernen als Dialog konzipiert. Das eigens hierzu entwickelte Verfahren, die ‚doc.post‘, konstituiert sich auf der Basis von Briefen, die Studierende semsterbegleitend einmal in der Woche verfassen und die sie in einen Dialog mit einem selbstgewählten Adressaten verwickeln. Auf diese Weise nutzt sie die Potentiale des Dialogischen systematisch und provoziert bei Studierenden fortlaufend Aneignung durch Vermittlung. Studierende sind dabei gehalten, ihr Wissen in einer Weise mitzuteilen, die es für den Empfänger verstehbar und für sie selbst anwendbar werden lässt. Lohnenswert an dieser prozessbezogenen Perspektive ist, dass im rekonstruktiven Vollzug akademischer Sozialisation, Hinweise zur mikrosozialen Komplexität von Lehr-/Lernkontexten zu gewinnen sind, mittels derer schließlich – und dann mit guten Gründen – über etwaige Optimierungen in Studium und Lehre nachgedacht werden kann.



Eva-Maria Beck-Meuth, Cornelia Böhmer (Hochschule Aschaffenburg): Untersuchung zum Erfolg von Unterstützungsmaßnahmen im Studiengang Elektro- und Informationstechnik

Elektro- und Informationstechnik ist bundesweit der Studiengang mit der höchsten Abbrecherquote. Für die Analyse der Situation an der Hochschule Aschaffenburg wurden die Verläufe der Studierenden von 2007 bis 2011 verfolgt. So wurden Daten über Schwund, Studiengangwechsler und Abbrecher eines Jahrgangs gewonnen. Von 2008 bis 2010 wurden folgende Maßnahmen erprobt und durch Befragung der Studierenden evaluiert: Kennenlern-Wochenende zum Studienbeginn Offenes Lernzentrum zur fachlichen Unterstützungund Vernetzung Frühe Leistungsnachweise Mentoring durch Professorinnen und Professoren E-Technik-Frühstück zur jahrgangsübergreifendenVernetzung Beratung und Betreuung von Studierenden beiSchwierigkeiten Entzerrung des Prüfungszeitraums von Wiederholungsprüfungen Es zeigt sich, dass die Unterstützungsmaßnahmen in der Studieneingangsphase den Schwund im Studiengang reduzieren. Die Quote der Studienabbrecher sinkt. Studierende, die im ersten Studienjahr weniger als 20 Leistungspunkte pro Semester erzielen, sind stark abbruchgefährdet. Das Projekt MINTzEwurde im Rahmen von „Wege zu mehr MINT-Absolventen“ durch vbw, bayme und vmb gefördert.  



Moderation: Lena Zimmer (ZQ)

Claudia Gómez Tutor, Christine Menzer (Technische Universität Kaiserslautern): Theoretisch gesehen… – und praktisch umgesetzt? Die Konkretisierung eines konstruktivistischen Anspruchs in der Hochschullehre

Im Zuge der Bologna-Reform sehen sich die Hochschulen zusehends mit der Situation konfrontiert, ihre Studieninhalte und Qualifikationsziele an Kompetenzen zu orientieren, was mit den vorhandenen Lehr-/Lernkonzepten schwer umsetzbar ist. Auf Lehrveranstaltungsebene steht daher ein Lernkulturwandel an, der Lernarrangements einfordert, die sich dem konstruktivistischen Lernparadigma verschreiben und Lernen als einen selbstgesteuerten Prozess sehen. Die Ausgestaltung des kompetenzorientierten Lernangebots zeigt die Veranstaltung „AllgemeineDidaktik“ des lehramtsbezogenen Bachelorstudiengangs an der TU Kaiserslautern. Zentrales Element der Veranstaltung ist ein in studentischen Kleingruppen zu bearbeitendes Thema mit Schulfachbezug in einer Unterrichtsminiatur unter quasi-realen Bedingungen, das in Zusammenarbeit mit Veranstaltungen aus der Fachdidaktik sowie mit der Orientierungsstufe eines Gymnasiums umgesetzt wird. In mehreren Durchläufen mit unterschiedlichen Schülergruppen wird die Unterrichtsminiatur erprobt und von Studierenden der Fachdidaktik nach einheitlich vorgegebenen Kriterien beobachtet und bewertet. Ziel des integrierten Praxisprojekts ist die Entwicklung einer professionellen Lehrpersönlichkeit durch den Aufbau didaktisch-methodischer und diagnostischer Kompetenzen.



Moderation: Taiga Brahm (St. Gallen)

Birgit Griese, Eva Glasmachers, Michael Kallweit, Bettina Rösken (Universität Bochum): Lerntagebücher als Mittel zur Verhaltensmodifikation – Das Projekt MP² (Mathe/Plus/Praxis) der Ruhr-Universität Bochum

Zahlreiche Studierende sehen sich mit Problemen konfrontiert, wenn sie ein Studium in den MINT-Fächern beginnen. An der Ruhr-Universität Bochum zielt das Projekt MP² (Mathe/Plus/Praxis) darauf ab, Ingenieurstudierende in der Studieneingangsphase zu unterstützen. Verschiedene Maßnahmen sollen den Studierenden helfen, Lernstrategien zu entwickeln, mit denen sie ihr Studium erfolgreich abschließen können. MP² begann 2010 und wird fortlaufend von Evaluationen begleitet. Das Projekt ist in zwei Teile untergliedert: Mathe/Plus und Mathe/Praxis. Mathe/Plus (das wir hier vorstellen) konzentriert sich darauf, Lernstrategien und Motivation zu verbessern. Verschiedene Maßnahmen (z.B. Tutorien, ein eLearning-Kurs, ein Helpdesk, ein Repetitorium, Fragebögen und natürlich Lerntagebücher) stehen dabei unterschiedlichen Projektgruppen zur Verfügung. Bis zum Sommer 2012 werden über 300 Studierende an MP² beteiligt gewesen sein. Mittels diverser Fragebögen können Entwicklungen und Unterschiede zwischen den Projektgruppen konstatiert, interpretiert und (in manchen Fällen) auf die Projektmaßnahmen zurückgeführt werden. Die Lerntagebücher erlauben zudem detaillierte Einblicke und Erkenntnisse bezüglich der Regulation von Lernverhalten im Fach Mathematik.



Elisabeth Fischer, Martin Hänze, Rolf Biehler, Reinhard Hochmuth (Universität Kassel): Leistungssteigerung dank besserer Lehre? – Wirkungspfade durch die Blackbox

Der Einstieg in das Mathematikstudium bedeutet für viele Studierende eine enorme Herausforderung. Sie müssen sich nicht nur an die neuen universitären Lernformen gewöhnen, sondern haben zudem die Umstellung von Schul- auf Hochschulmathematik zu verkraften. Ziel des hier vorgestellten Projekts war es darum, den Studienbeginn für angehende Mathematiklehrer zu erleichtern. Dazu wurden im Rahmen einer fachlichen Einführungsvorlesung verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der dazugehörigen Übung entwickelt. Im Zentrum der Innovationen stand die Vorbereitung und semesterbegleitende Betreuung der Übungsgruppenleiter. Um zu erfassen, wie sich diese Lehrinnovationen auf die Leistung der Studierenden auswirken, wurden zwei aufeinanderfolgende Kohorten von Studienanfängern untersucht. Bei der Auswertung zeigte sich, dass die unterschiedlichen Bedingungen keinen Einfluss auf das Klausurergebnis haben. Deutliche Kontraste waren jedoch bei tutoren- und veranstaltungsbezogenen Variablen zu finden. Das Referat geht deshalb der Frage nach, worin das Ausbleiben der erhofften Leistungssteigerung begründet sein könnte und gibt Hinweise für zukünftige Forschung, die die Blackbox „Lernen an der Hochschule“ erkunden will.



Maria Krüger-Basener, Luz Ezcurra, Ina Gössling (Hochschule Emden/Leer): Wie kann die Hochschule auf Heterogenität didaktisch reagieren? Erste Ergebnisse einer Längsschnittstudie bei Studierenden der Informatik einer Fachhochschule.

Informatik ist ein Studienfach, das unterschiedlichste Studierende anzieht. Heterogenität, wie sie im Rahmen des BMBF Projektes USuS beim Teilprojekt Informatik an einer kleineren Fachhochschule ermittelt wurde, ließ sich – unerwarteterweise – weniger in der Zusammensetzung der Studierenden feststellen. Heterogen zeigten sich die Studierenden vielmehr im Vergleich zu Erwartungen und Anforderungen der Lehrenden hinsichtlich der lernrelevanten Dimensionen. Daraufhin wurden zum einen Maßnahmen ergriffen, um bewusst die Heterogenität abzubauen und vorhandene fachliche Defizite rechtzeitig und für alle Studienanfänger eines Jahrgangs – mittels eines neukonzipierten Vorkurses mit dem Schwerpunkt Mathematik– möglichst schon vorab zu beheben. Zum anderen wurde bewusst die Heterogenität genutzt und schon im Vorkurs Lehrformen wie Pair Working und Lernen durch Lehren eingesetzt, um die Unterschiede gezielt einzusetzen, nicht abzubauen. Flankierend wurde zusätzlich in die – in diesem Studiengang spontan eher unübliche – soziale Netzwerkbildung investiert und auf Zwangsgruppenbildung gesetzt, um auch so vorhandene Unterschiede zunutzen. Evaluierungsdaten zeigten dann, dass man für die Hochschuldidaktik in einem technisch-mathematischenStudiengang erfolgreich aufgreifen kann, was bereits in der Schuldidaktik unter Stichworten wie „Binnendifferenzierung“ oder „Tandemarbeit“ seit längerem diskutiert und erprobt wird.